1st Vorfreude die schönste Freude?

Weihnachtliche Grüße

1st Vorfreude die schönste Freude?

Mehr Gelassenheit: Wo Vorfreude ist, besteht schließlich auch immer das Risiko der Ernüchterung - Interview mit einem Philosophen

Vor lauter Vorfreude auf die Weihnachtstage sind Kinder oft ganz euphorisch. Auch wenn Eltern da Skepsis haben, sollten sie das Kind keinesfalls ernüchtern. Foto: Maria Diachenko/Westend61/dpa-mag

22.12.2025

Vorfreude ist die schönste Freude. Rund um die Weihnachtszeit hat kaum ein anderer Satz mehr Konjunktur. Doch stimmt das auch? Wo Vorfreude ist, besteht schließlich auch immer das Risiko der Ernüchterung. Wird das Gefühl dadurch entwertet? Nein, sagt der Philosoph Andreas Urs Sommer. Im Interview rät er dennoch manchmal zu mehr Gelassenheit - aber zugleich auch dazu, Kinder nicht in ihrer Euphorie zu bremsen.

Herr Sommer, ist Vorfreude wirklich die schönste Freude?

Andreas Urs Sommer: Tja. Es gibt ganze Religionen, die davon leben. Das Christentum in seiner traditionellen Form etwa sagt: Wir sind zwar im irdischen Jammertal, aber wir haben die Vorfreude auf die ewige Seligkeit. Wir können gelassen sein und uns die himmlischen Freuden im Jenseits ausmalen. Das ist eine Vorstellung, die vielen Menschen fremd geworden ist, aber sie ist klassisch. Natürlich wissen wir nicht, ob am Ende die erwartete Freude einsetzt. Aber gläubige Christen sind geneigt, unbedingt daran zu glauben. Das muss man vielleicht auch, damit es mit der Vorfreude klappt.

Kann Vorfreude auch unglücklich machen, weil die Erwartungen zu hoch sind?

Sommer: Angenommen, Sie haben sich auf die ewige Seligkeit gefreut, aber es wird dann leider am Tag des Jüngsten Gerichts anders entschieden und Sie müssen doch in die Hölle wandern. Dann wurde die Vorfreude enttäuscht. Das geht natürlich auch im Irdischen - etwa an Weihnachten. Wobei die Vorfreude durch eine Enttäuschung nicht entwertet wird.

Aber die Enttäuschung ist dennoch groß.

Sommer: Klar, das ist ein Punkt. Man denkt, etwas muss wahnsinnig toll werden: der Urlaub, das rauschende Fest an Weihnachten. Das erzeugt Druck und damit die Gefahr, dass die Realität diesem Druck nicht standhalten kann.

Es ist also auch eine Frage des Erwartungsmanagements. Aber kann man seine Illusionen, die einem die Vorfreude gibt, in realistischen Bahnen halten?

Sommer: Natürlich hat unser Inneres unterschiedliche Bedürfnisse. Um gewisse winterliche Schatten aus dem Kopf zu vertreiben, kann eine temperierte Vorfreude hilfreich sein. Bei sehr stark euphorisierenden Empfindungen ist es schwer, diese im Zaum zu halten.

Philosophisch betrachtet: Wenn ich bei meinen Kindern überschwängliche Vorfreude beobachte - ist es angebracht, auf die Bremse zu treten und diese Euphorie zu nehmen, oder lässt man es laufen, weil es das Kind in dem Moment so glücklich macht?

Sommer: Ich würde da zu größter Zurückhaltung raten. Man sollte als Eltern nicht denken, man sei überlegen, weil man andere Lebenserfahrungen und damit andere Enttäuschungserfahrungen hat. Zu sagen: «Übertreib nicht und komm runter. Euphorie ist da gar nicht angesagt», das braucht es nicht. Man braucht das Kind nicht ernüchtern.

Was sagen Sie: Taugt Vorfreude als Gegengewicht zu Stress und negativen Gefühlen?

Sommer: Die Gefahr ist, dass man sich die Vorfreude vergällt, wenn man sie zu sehr als Gegengift zur Gegenwart nutzt. Ich würde dann doch eher empfehlen, die Freude im Hier und Jetzt zu suchen und nicht auf das unsichere Pferd der Vorfreude zu setzen, wenn es darum geht, negative Empfindungen zu bewältigen. Daher würde ich nicht so sehr die Fähigkeit zur Vorfreude trainieren. Sondern eher die Gelassenheit, sich mit Gegenwärtigem zu arrangieren. dpa